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2020 coronavirus

Sportvereine brauchen schnelle und unbürokratische Hilfe

Teilöffnung des Sportbetriebes löst finanzielle Schwierigkeiten der Vereine im Sportkreis Ravensburg nicht

Wenn man derzeit Publikationen liest hat die Zukunftsforschung nach Corona Konjunktur, Szenarien reichen von neuen Lebensperspektiven bis zu wirtschaftlichen Abbrüchen. Sport taucht kaum auf. Die Einschränkungen der Pandemie hat die Sportwelt komplett getroffen: Großveranstaltungen, Profisport, Vereins- und Schulsport, Bewegungskindergarten, Fitness-Studios, individuelles Sporttreiben, Formen und Strukturen des Sports sind stillgelegt.

Aber es wird im Sportkreis Ravensburg auch Sport nach Corona geben, auch darauf muss sich der Sport einstellen. Der Vereinssport im Kreis Ravensburg mit über 100.000 Mitgliedschaften ist eine große zivilgesellschaftliche Organisation. Die Sportvereine sind ideale Partner für Gesundheit und Prävention. Er bildet einen besonderen Ort, wo freiwillig und selbstorganisiert gemeinsames Bewegen gelingt. An fast jedem Ort gibt es Sportvereine, unzählige Trainer sind gesundheitsrelevant ausgebildet, die Zahl der Angebote für Fitness, Gesundheit, Entspannung ist enorm. Vereinsmitglieder von Kleinkindern bis hochbegabte besuchen präventionsorientierte Angebote, finden stabile soziale Kontakte. In Zeiten der Krise erkennt man wieder die Bedeutung der Vereine, das Erkennen allein hilft den Sportvereinen jedoch wenig. Förderprogramme zu drängenden Sportstättensanierung sind kaum zu finden.

Die finanziellen Einbußen für den Sport im Landkreis Ravensburg durch die Corona-Beschränkungen sind besorgniserregend und alarmierend, sagt Sportkreispräsident Karlheinz Beck. Diese Aussage unterstreicht eine Zwischenauswertung des Schadens-Meldesystems des Württembergischen Landessportbundes (WLSB). Obwohl noch längst nicht alle Sportvereine im Kreis Ravensburg an der WLSB Umfrage teilgenommen haben, liegt der bisher gemeldete Schaden bei knapp 1,1 Mio. Euro. Hochgerechnet auf die über 300 Sportverein im Kreis Ravensburg wird der durch die Corona-Beschränkungen verursachte Schaden sich auf mindestens 2 Mio. Euro summieren. Damit sind unsere Befürchtungen über das Ausmaß der Schäden im Sportkreis Ravensburg und bei den Sportvereinen der Stadt Ravensburg noch übertroffen worden, unterstreicht Rolf Engler, Vorsitzender des Sportverbandes Ravensburg.

Das meiste Geld verlieren die Sportvereine durch die Einstellung des Sportbetriebes, die Absage von Veranstaltungen, sowie die Schließung der Gastronomie und damit auch der Vereinsheime, dies ergab die Umfrage des WLSB unter den Sportvereinen.

Sport ist systemrelevant. Der Sport erfüllt wichtige Aufgaben der sozialen Integration, stärkt gesellschaftliche Teilhabe und dient der Gesundheitsprävention. Dass ab dieser Woche in Baden-Württemberg Outdoor-Sportarten wieder möglich sind begrüße ich ausdrücklich, sagt Karlheinz Beck. Die Teilöffnung des Sportbetriebes löst die finanziellen Schwierigkeiten der Vereine aber nicht. Deshalb unterstützt der Sportkreis Ravensburg die Forderung des WLSB nach einem Rettungsschirm für die Sportvereine nachdrücklich.

Wir brauchen sowohl eine schnelle Liquiditätshilfe für Vereine, die in den nächsten Wochen in akute Not geraten, als auch die Sicherung des Überlebens der gesamten Sportvereinslandschaft im Sportkreis.

Das Ziel aller Verantwortlichen, sowohl auf Landes- als auch auf Kommunalebene müsse doch sein, dass etwa Kinder und Jugendliche auch künftig attraktive Sportangebote in den Vereinen erhalten – und zwar zu sozialverträglichen Beiträgen. Ohne zusätzliche Einnahme ist das in vielen Vereinen aber nicht möglich. Satte Beitragserhöhungen kann niemand ernsthaft wollen, stellt Rolf Engler klar.

Strukturen der Vereine im Sportkreis Ravensburg ganz unterschiedlich

Im überwiegend ländlich geprägten Sportkreis Ravensburg sind die Strukturen und Größen der Sportvereine ganz unterschiedlich. Neben einigen großen Sportvereinen, teilweise mit Vereinszentren, wie zum Beispiel die MTG Wangen oder der KJC Ravensburg sind die Vereine überwiegend von mittlerer und kleiner Größe und häufig noch ausschließlich ehrenamtlich getragen. Nahezu alle sozialpolitisch relevanten Zukunftsaufgaben werden heute auch von den Sportvereinen bearbeitet. Die Sportvereine sind wesentliche Akteure der sozialen Arbeit in Baden-Württemberg. Die Finanzierung der Vereine – egal ob klein oder groß – und ihrer Sportarten ist dabei geprägt von einer internen Querfinanzierung: das bedeutet, dass Erträge aus dem Zweckbetrieb und dem steuerlich bezeichneten "wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb" viele andere Aufgaben der Sportvereine mitfinanzieren – insbesondere auch die vorgenannten Aktivitäten der sozialen Arbeit.

Hierzu noch einige Beispiele aus dem Vereinsalltag:

  • Mit den Einnahmen aus einem Sportvereinszentrum werden Angebote im Kindersport cofinanziert, um die Beiträge für die Eltern sozialverträglich zu halten.
  • Mit den Einnahmen z.Bsp. beim Würstleverkauf durch eine Abteilung im Rahmen eines Sommerfestes des Sportvereines werden die Ausgaben des Spielbetriebes einer Mannschaft der entsprechenden Abteilung für eine Saison mitgetragen, da die geringe Höhe des Mitgliedsbeitrages diese Aufgabe nicht komplett tragen kann.
  • In manchen Kommunen finden gemeinsame Feste der Vereine statt. Ein solches Fest von Vereinen aller Art, also Sportvereinen, Kulturvereinen, Musikvereinen, etc. zeigen die Vielfalt in der Kommune. Die Begegnungen gestalten das gesellschaftliche Leben sehr positiv. Und tatsächlich gehören auch diese Einnahmen zum sogenannten "wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb" und sind wichtig, damit die Jugendarbeit in den Vereinen so kostengünstig – und für die Menschen bezahlbar – bleiben kann.

Dies sind nur 3 konkrete Beispiele, wie der Zweckbetrieb und der "wirtschaftliche Geschäftsbetrieb" den ideellen Bereich in unseren Vereinen stützen. Mit der Einstellung des Sportbetriebes und der Absage von Veranstaltungen fehlt den Vereinen akut die Grundlage, um unsere sozial ausgerichteten Angebote aufrecht zu erhalten. Es darf nicht sein, dass aufgrund der Corona-Krise diese so wichtige Arbeit beispielsweise für Menschen mit Behinderung, für REHA-Patienten oder auch für die vielen Kinder mit Migrationshintergrund eingestellt werden muss. Es sollte auch beachtet werden, dass die Vereine nicht auf größere Finanzrücklagen zurückgreifen können, auch weil gemeinnützige Vereine aufgrund des Vereins- und Steuerrechtes keine höheren freien Rücklagen bilden dürfen, um für solche Notsituationen vorzusorgen.

Ohne – zusätzliche – Mittel aus einem "Corona-Notfall-Fonds" kann in der dramatischen Krisensituation die soziale Arbeit der Vereine nicht aufrechterhalten werden. Einige Bundesländer wie z.Bsp. Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein haben bereits unbürokratische Lösungen gefunden, um dem örtlichen Sportsystem in dieser Jahrhundert-Krise zu helfen.

Was könnte den Sportvereinen im Sportkreis Ravensburg schnell und unbürokratisch helfen:

Wenn die bisherigen Verlautbarungen zutreffen, dass offensichtlich der derzeitige Solidarpakt III zur Finanzierung der corona-bedingten Notlagen herangezogen werden soll, muss darauf hingewiesen werden, dass diese Solidarpakt 2017, also in "Normalzeiten" und nicht für die "Corona-Zeiten", die wir jetzt haben, vereinbart wurde.

Die Mittel des Solidarpakts III sind durch Zuschussprogramme, die z.Bsp. Kooperation in Schulen und Verein, Verein und Kindergarten, Übungsleiter- und Lizenzzuschüsse, Bau- und Gerätezuschüsse etc. bei den Vereinen und Verbänden komplett verplant und werden dort als Unterstützung auch dringend benötigt. Der Solidarpakt ist aber auch nur ein kleiner Teil der Finanzierung des organisierten Sports. Die Vereine bezahlen ihre Beiträge, Meldegebühren für den Spielbetrieb, ihre Umlagen und sonstige Kosten an die Fachverbände und die Sportbünde ganz wesentlich auch aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Einnahmen aus dem Kurssystem, kommunalen Zuschüssen etc.

Nur durch diese Mittel, in Verbindung mit den Mitteln des Solidarpakt III und einem neuzuschaffenden "Corona-Notfallfonds" kann die Arbeit der Vereine du vor allem der Verbände und der Sportbünde weiter aufrechterhalten und nach der Krise effektiv fortgeführt werden. Wenn die Vereine nicht mehr mitfinanzieren können, bricht das Sportsystem in seiner Kreislauf-Finanzierung zusammen.

Zuletzt wurde von vielen Amtsinhabern und Mandatsträgern an die Mitglieder der Sportvereine appelliert, durch "Solidarität, Unterstützung und Wohlwollen" den Sport durch diese schwere Zeit zu tragen. Wir spüren auch im Sportkreis Ravensburg diese Solidarität in vielen Situationen und sie zeigt die Bedeutung des größten bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg. Da diese Bekundungen den Vereinen zwar ideell aber nicht finanziell helfen, müssen nun konkrete, verbindliche und unbürokratische Nothilfen aufgebaut werden.

Konkret denkbar wären beispielsweise eine Aussetzung der Sportbund- und Verbandsbeiträge für 1 Jahr unter der zwingenden Vorrausetzung, dass verbindlich ein zusätzlicher Finanzausgleich durch das Land für die Sportbünde und die Fachverbände sichergestellt wird, sagt Eberhard Heurich, Vizepräsident des Sportkreises. Übungsleiterpauschalen könnten z.Bsp. trotz eingeschränktem Betrieb voll ausbezahlt werden. Oder sogar um einen Faktor X erhöht werden. Eine solche Hilfe käme direkt bei jedem Verein entsprechend seiner Größe an.

Sportkreis begrüßt Teilöffnung des Sportbetriebes

Das ab dieser Woche in Baden-Württemberg Outdoor-Sportarten wieder möglich sein, begrüße ich ausdrücklich, sagt Karlheinz Beck. Neben den Freiluftsportarten müsse aber unbedingt auch der Hallensport wieder erlaubt werden. Auch hier liegen für das Training und die Kurse in geschlossenen Räumen bereits erforderliche Hygienekonzepte vor. Warum im Freien bei Kursangeboten nur Kleingruppen von 5 Personen möglich sind erschließt sich mir nicht, sagt Karlheinz Beck. Insbesondere bei Kursangeboten sind alle Teilnehmer/innen bekannt und dokumentiert, Infektionsketten könnten problemlos nachverfolgt werden. Eine Gruppengröße von bis zu 10 Personen wäre durchaus denkbar. Der unweigerliche Mehraufwand und die Mehrkosten sind aber enorm.

Dennoch steht aber auch für den Sportkreis Ravensburg die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Das vom DOSB und den Fachverbänden erarbeitete Hygienekonzept ist daher auch im Sportkreis Ravensburg die Grundlage für die Öffnung des Sportbetriebes.

Die 10 Leitplanken des DOSB sind

  • Distanzregeln einhalten
  • Körperkontakte auf das Minimum reduzieren
  • Freiluftaktivitäten referieren
  • Hygieneregeln einhalten
  • Umkleiden und Duschen zu Hause
  • Fahrgemeinschaften vorübergehend aussetzen
  • Veranstaltungen, wie Mitgliederversammlungen und Feste unterlassen
  • Trainingsgruppen verkleinern
  • Angehörige von Risikogruppen besonders schützen
  • Risiken in allen Bereichen minimieren

Dass sich der autonome Sport selbst angepasste Regeln in Zeiten von Corona auferlegt hat, hat unzählige Vorteile:

So kommen Menschen wieder in Bewegung und stärken dabei ihr Immunsystem, Menschen finden beim Sporttreiben einen Ausgleich in schwierigen Zeiten, soziale Bindungen werden trotz Wahrung der Distanz wieder aktiviert, Menschen können wieder selbstbestimmter ihr Leben gestalten und Sportvereine und ihre Trainer/innen sind wieder aktiv für ihre Mitglieder da. Daher möchten die Verantwortlichen im Sportkreis die Sportvereine ermutigen im Falle einer sukzessiven Aufhebung der bestehenden Kontaktsperren den organisierten Sport mitzudenken und mit Vertrauen auf die Fähigkeiten der Übungsleiterinnen und Übungsleiter das vereinsbasierte auf die Situation angepasste Sporttreiben unter Berücksichtigung der Leitplanken des DOSB und den sportartspezifischen Übergangsregeln der Fachverbände, wieder zuzulassen.

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